Verträglichkeit von Kaffee - die Doppelrolle von Koffein - Freund oder Feind?
Der Nutrigenetiker Dr. Daniel Wallerstorfer beschäftigt sich seit Jahren mit der Wirkung von Substanzen, die wir regelmäßig zu uns nehmen. Besonders Kaffee ist für ihn ein faszinierendes Getränk: „Kein anderes Nahrungsmittel enthält so viele Antioxidantien, Polyphenole und Resveratrol. Kaffee ist also voller gesunder Inhaltsstoffe, wäre da nicht das Koffein“, erklärt Wallerstorfer. Während die genannten Stoffe gesundheitsfördernd wirken, kann Koffein, je nach genetischer Veranlagung, auch negative Auswirkungen haben.
Koffein und seine Doppelrolle
Koffein ist eine Substanz, die Pflanzen ursprünglich als Abwehrmechanismus gegen Insekten entwickelt haben. Es wirkt als Nervengift, das die Schädlinge abtötet. Doch beim Menschen entfaltet Koffein eine andere Wirkung: Es macht uns wach und steigert die Konzentration. Diese Auswirkungen von Koffein ist jedoch genetisch bedingt, da jeder Mensch Koffein unterschiedlich abbaut. Wallerstorfer erklärt, dass das Vorhandensein eines bestimmten genetischen Buchstabens im Gen CYP1A2 darüber entscheidet, wie gut unser Körper Koffein verträgt und abbauen kann.
Schlüssel für den Koffeinabbau
Das Gen CYP1A2 ist für den Abbau von Koffein im Körper verantwortlich. Jeder Mensch hat dieses Gen in doppelter Ausführung – eines von der Mutter, eines vom Vater. Es gibt dabei drei mögliche Genkombinationen: beide Gene sind funktional, eines ist defekt oder beide sind defekt. Dies führt dazu, dass manche Menschen Koffein schnell abbauen können, während es bei anderen länger im Körper verbleibt. Personen mit zwei funktionierenden Genen bauen Koffein rasch ab und können beispielsweise nach dem Kaffeetrinken in den Abendstunden problemlos schlafen. Menschen mit einem oder zwei defekten Genen hingegen spüren die Wirkung von Koffein länger und könnten selbst nach Ihrem morgendlichen Kaffee - 12 Stunden später nachts wach liegen.
Koffein und Herzgesundheit
Eine der größten gesundheitlichen Bedenken beim Kaffeekonsum betrifft das Herz. Studien haben gezeigt, dass das Herzinfarktrisiko durch Koffein unterschiedlich beeinflusst wird – abhängig davon, wie schnell das Koffein abgebaut wird. Personen mit zwei funktionierenden CYP1A2-Genen profitieren von einem moderaten Kaffeekonsum: Eine Tasse Kaffee reduziert das Herzinfarktrisiko um 27 Prozent, und bei zwei bis drei Tassen liegt das Risiko immer noch 21 Prozent unter dem Durchschnitt. Bei vier oder mehr Tassen erhöht sich das Risiko jedoch auf das Niveau des Bevölkerungsdurchschnitts.
Für Personen mit defekten CYP1A2-Genen zeigt sich ein anderes Bild: Schon nach einer Tasse bleibt das Risiko unverändert, und bei einem Konsum von vier oder mehr Tassen steigt das Herzinfarktrisiko um 63 Prozent im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Dies verdeutlicht, wie stark die genetische Veranlagung den gesundheitlichen Nutzen oder Schaden von Kaffee beeinflussen kann.
weitere gesundheitliche Aspekte des Kaffeekonsums
Neben der Herzgesundheit gibt es zahlreiche Studien, die sich mit den Auswirkungen von Kaffee auf andere Gesundheitsaspekte befassen. Untersuchungen reichen vom Einfluss auf das Krebsrisiko bis hin zu Effekten auf das Langzeitgedächtnis. Die Ergebnisse dieser Studien variieren jedoch oft stark. Wissenschafter weisen darauf hin, dass der Hauptgrund dafür in der genetischen Vielfalt der Probanden liegt: Studien berücksichtigen häufig den Durchschnitt der Teilnehmer, was dazu führen kann, dass Personen mit schnellen Koffeinabbau-Genen das Ergebnis verfälschen.
Interessanterweise sind diese genetischen Unterschiede auch regional unterschiedlich verteilt. In Ländern wie Finnland, wo Kaffeekonsum kulturell tief verankert ist, könnte der Anteil an Menschen mit funktionierenden CYP1A2-Genen höher sein. In Südeuropa, wo der Konsum von Espresso und kleinen, starken Kaffees üblich ist, könnten sich andere genetische Muster zeigen. Solche Unterschiede sind jedoch noch spekulativ und bedürfen weiterer Forschung.
Die individuelle Bedeutung der Genetik
Der Kaffeekonsum verdeutlicht, wie individuell unsere Ernährung und deren Auswirkungen auf den Körper sein können. Wallerstorfer betont, dass viele Menschen genetische Stärken und Schwächen besitzen, die sie im Alltag nicht bewusst wahrnehmen. Ein Gendefekt kann beispielsweise die Fähigkeit beeinträchtigen, Folsäure in ihre aktive Form umzuwandeln oder Fett effizient abzubauen. Solche genetischen Unterschiede können langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit haben, auch wenn man diese nicht unmittelbar spürt.
Kaffeekonsum ist individuell
Kaffee bleibt seit Jahrhunderten ein umstrittenes Getränk, dessen gesundheitlicher Nutzen oder Schaden stark von der individuellen Genetik abhängt. Während einige Menschen problemlos mehrere Tassen täglich genießen können, ohne negative Effekte zu spüren, sollten andere ihren Konsum vielleicht genauer überdenken oder reduzieren. Die Erkenntnisse aus der Nutrigenetik eröffnen uns die Möglichkeit, Ernährungsempfehlungen auf Grundlage unserer genetischen Veranlagung zu personalisieren. Somit könnte der tägliche Kaffee in Zukunft nicht nur ein Genussmittel, sondern auch ein Teil einer maßgeschneiderten Gesundheitsstrategie sein.
Dr. Daniel Wallerstorfer, 1982 in Salzburg geboren, ist Molekularbiologe und promovierter Biotechnologe. Zu seinen Fachgebieten zählen die medizinische und die Lifestyle-Genetik sowie die Nutrigenetik. 2009 gründete er in Salzburg die Novogenia GmbH.
Bücher: Die Macht unserer Gene: Wie Sie mit dem Wissen über Ihre Anlagen gesund bleiben
Quellenangabe
Artikel "Die Presse am Sonntag" von 29.09.2024.
Autor: Sabine Hottowy, "Warum nicht jeder Kaffee verträgt"
Seite 33 / Rubrik Leben
